Startups überwinden den Kapitalismus?

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Ich bin Unternehmer. Aus Zufall sicher, aber auch aus Leidenschaft. Die Werte, die ich dafür von zuhause mitbekommen habe, waren nicht  auf dem Bankkonto - es waren Neugier gepaart mit Verantwortungsbewusstsein. 

Und ein grosses Stück Naivität: als ich ab dem zweiten Unisemester mit Freunden langsam in die Unternehmerrolle rutschte, hatten wir alle kaum einen Schimmer, wie man in Firmen die Dinge normalerweise macht. Darum machten wir sie einfach so, wie wir es für richtig hielten. Transparent. Demokratisch. 

Die Firma ist für uns da, nicht wir für sie - das war unser Motto..

Heute ist daraus eine florierende Digitalagentur geworden, ein paar Startups sind dazu gekommen. 200 Arbeitsplätze heisst das. Millionenumsätze. Und für mich? Kein Haus, kein Auto, keine Yacht, das bedeutet mit nichts Dafür soziale Sicherheit für meine Leute, Anteilnahme in Führung und Verantwortung sowohl, für mich, aber auch für jede*n einzelne*n Mitarbeiter*in.

Ja, ihr könntet mich Cüplisozi nennen (obwohl ich Sirup bevorzuge), aber meine finanzielle Unabhängigkeit gibt mir die unbezahlbare Freiheit, mich um die Gesellschaft als ganzes zu sorgen, und mich dort für alle einzusetzen. Als erstes natürlich vor meiner eigenen Haustür, in meinen Unternehmen. 

Ich hab gelernt, dass viele Dinge möglich sind, von denen es immer hiess, dass sie halt einfach nicht umzusetzen sind: Transparenz etwa, volle Lohntransparenz und offene Bücher für alle. Oder auch flächendeckende Teilzeitarbeit, auf allen Ebenen. Seit bald fünfzehn Jahren bieten wir einen anständigen Vaterschaftsurlaub, und siehe da, Mitarbeiter*innen, Gesellschaft UND das Unternehmen haben Vorteile daraus.

Auch Selbstorganisation, das Prinzip, dass jene entscheiden können müssen, die betroffen und kompetent sind, nicht jene, die am längsten da sind oder die flottesten Manager-Titel tragen - funktioniert. Für das Umsetzen einer guten Idee braucht es nicht den Segen von oben, das “Go” von zig Stellen. Das geht, nachweislich, und gut sogar. 

Wirtschaftsdemokratie mag ich das nicht nennen, Selbstorganisation geht weiter. Wenn in ihr Autonomie, Kompetenz und Sinnhaftigkeit zusammenkommen, entsteht gute Arbeit, ohne die Trägheit und die Verpolitisierung durch Mehrheitsentscheide. Es braucht nicht watteweichen Konsens, es braucht produktiven Umgang mit Spannungen.

Dass wir Unternehmertum als soziale und solidarische Tätigkeit verstehen,ist die Grundlage. Die Aufgabe aber ist es, mehr Wert für die Gesellschaft zu schaffen, als wir abschöpfen. Das heisst natürlich auch, dass ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit im Unternehmenszweck nicht Floskeln sind, sondern bloss Ausdruck gelebter Unternehmenskultur. Und Kultur isst Strategie zum Frühstück, immer.

Was aber bedeutet das nun für meine Politik?

Aus meiner Erfahrung ziehe langfristige, nachhaltige Lösungen schnellen Erfolgen vor.  Wir haben gemeinsam die Möglichkeit, genau jetzt - mitten im digitalen Umbruch - ein neues, soziales Unternehmertum zu ermöglichen. Innovationsförderung, Standortförderung, Steuern, Abgaben und Regulierungen: alles nur Mittel zum Zweck. Denn mit dem Kapitalismus wie er sich heute zeigt, einem Kapitalismus der Krisen und Katastrophen, mit dem müssen wir ringen. Im immer mehr abringen. Und es gibt keinen guten Hosenlupf, ohne dass wir sagen: wir wollen den Cheib überwinden.

Wir wollen ihn dabei nicht umbringen, sondern dafür sorgen, dass er sich in den Dienst der Gemeinschaft stellt - für alle, statt für wenige.

Hannes GassertComment